Datum: 06.12.2021
Einreicher: SPD-FraktionUte Bartel
Federführung: SPD-Fraktion
Vorlage: 0155/2021


Anfrage:

In seinem Limnologischen Gutachten zu den Stralsunder Stadtteichen vom März 2006 hat das Institut für angewandte Gewässerökologie GmbH eine starke Belastung der Stadtteiche festgestellt und zahlreiche Lösungswege und Maßnahmen zur Sanierung und Restauration aufgezeigt.

1. Welche dieser Lösungswege und Maßnahmen sind bisher in Angriff genommen worden?

2. Sind trotz der Entschlammung in den 50er- und 70er-Jahren noch Munitionsfunde zu befürchten?

3. Müssen wir – da die Sedimenteinträge nicht vollständig zu stoppen sind – wegen des angeblich umweltrechtlich gegebenen Verbots eines Ausbaggerns/Entschlammens letztlich das komplette Verlanden der Stadtteiche hinnehmen?


Begründung:

Öffentliches Interesse.


Antwort:

Sehr geehrtes Präsidium, sehr geehrte Damen und Herren, sehr geehrte Frau Bartel,

Zu 1. 

Das Limnologische Gutachten von 2006 reiht sich in das seit 1994 durch das Staatliche Amt für Landwirtschaft und Umwelt Vorpommern (StALU Vorpommern) regelmäßig vorgelegte Monitoring der Stadtteiche ein, wobei wir das Monitoring 2019 noch erwarten. 

Das Gutachten unterscheidet: 

1. Sanierungsmaßnahmen im Einzugsgebiet – insbesondere an den Zuflüssen 

2. Seeinterne Restaurationsmaßnahmen – z.B. Einbau von Sedimentfallen 

3. Alternative Maßnahmen – komplette Entschlammung. 

Das Gutachten weist explizit darauf hin, dass eine interne Behandlung der Teiche erst dann sinnvoll ist, wenn die externen Belastungsquellen deutlich reduziert werden. 

Wie in der Bürgerschaftssitzung am 18.11.2021 dargelegt, hat die Stadt in den letzten Jahren zahlreiche gutachterliche Maßnahmenempfehlungen umgesetzt. Der Schwerpunkt lag dabei auf Maßnahmen im Einzugsgebiet. Für alle Zuflüsse in die Stadtteiche wurden Sanierungs-konzepte erstellt, deren Umsetzung kontinuierlich verfolgt wird. Insbesondere erfolgten: 

- Neutrassierung Mühlengraben und Anlage eines Retentionsteiches nördlich KGA Ke-dingshagen II 

- Entschlammung Regenrückhaltebecken „Strelapark“ zur Wiederherstellung der Rück-haltefunktion 

- Sanierung Durchlassbauwerk Hoher Graben unter dem Voigdehäger Weg zur Erhö-hung der Durchflussmenge und damit eine Verbesserung der Wasserqualität der Stadt-teiche 

- Beseitigung der Verfüllung des Hohen Grabens im Bahndurchlass der Strecke Stralsund-Grimmen zur Herstellung des freien Abflusses aus dem Voigdehäger Teich über den Hohen Graben in die Stadtteiche

- Neubau des Wehres am Ablauf des Voigdehäger Teiches, um die Erhöhung der Ab-flussmenge in den Hohen Graben und damit eine Verbesserung der Wasserqualität der Stadtteiche zu ermöglichen 

- Absenken des Wehres am Auslauf Kleiner Frankenteich in den Graben 1 

- Reparatur und Ertüchtigung des Bahndurchlasses im Bereich Hauptbahnhof/Güter-bahnhof/Ausfluss Großer Frankenteich zur Erhöhung des Abflusses über den Hohen Graben 

- Ergänzung der Bepflanzung des Kronenhalsgrabens am Schwarzen Weg 

- Uferrandstreifen und Gehölzpflanzungen am Stralsunder Mühlgraben 

- Neuanlage einer Waldfläche im Stadtwald am Moorteich zur Bindung von Nährstoffen durch Gehölzaufwuchs 

- Anlage von Gewässerrandstreifen am Voigdehäger Teich und am Borgwallsee zur Ver-ringerung von Stoffeinträgen durch Erosion von angrenzenden Ackerflächen sowie Bin-dung von Nährstoffen durch Gehölzaufwuchs. 

Weitere Maßnahmen sind geplant. 

2015/16 wurde in einem „Limnologisches Gutachten und Machbarkeitsstudie Stralsunder Stadtteiche“ im Auftrag des StALU die Wirkung der umgesetzten Sanierungsmaßnahmen auf die Stadtteiche überprüft, die aktuelle ökologische Situation der Teiche sowie der Stand der internen und externen Belastungen erfasst und bewertet. Aus den daraus resultierenden Maß-nahmen zur Sanierung und Restaurierung der Standgewässer wurde eine Vorzugsvariante mit Schwerpunkt weiterhin auf Sanierungsmaßnahmen im Einzugsgebiet abgeleitet. 

Im Jahr 2019 erfolgte eine Beprobung der Teiche. Von dieser liegen bislang die Rohdaten vor. Der Monitoringbericht des StALU steht noch aus. Nach den Rohdaten hat sich der Gewässer-zustand von Moorteich, Knieperteich und Großem Frankenteich weder nennenswert verbes-sert noch verschlechtert, der Zustand des Kleinen Frankenteichs hat sich deutlich verbessert. 

Zu 2. 

Der Südteil des nördlichen Knieperteichs, den Nordostteil des Großen Frankenteichs sowie der Südostteil des Kleinen Frankenteiches sind munitionsbelastet. 

Zu 3. 

Es wurden und werden umfangreiche Anstrengungen unternommen, um den Verlandungspro-zesse in den Stadtteichen entgegenzuwirken. Die Auswirkungen der einzelnen Maßnahmen auf den Zustand der Teiche lassen sich jedoch nicht unmittelbar nachweisen, da die Maßnah-men nicht sofort einen merklichen Einfluss auf das Gesamtökosystem der Stadtteiche und ihrer Zuflüsse haben. Die biologischen und chemischen Prozesse benötigen eine gewisse Zeit, um ihre Wirkungen zu entfalten. 

Bei den künstlich angelegten Stralsunder Stadtteichen handelt es sich schon immer um flache Gewässer mit mittleren Wassertiefen zwischen 0,9 m (Moorteich) und 1,8 m (Großer Franken-teich). Die mittlere Wassertiefe des Knieperteichs liegt bei 1,2 m, die des Kleinen Franken-teichs bei 1,0 m. 

Eine „komplette Verlandung“ ist aktuell nicht zu befürchten. Die Verlandungsprozesse, die sehr lange Zeiträume beanspruchen, werden durch die realisierten Maßnahmen verlangsamt. Die aktuelle Situation ist nicht vergleichbar mit der in den 1970er Jahren. Seinerzeit betrug die mittlere Wassertiefe im Knieper Teich nur noch 20-30 cm, heute 1,2 m. 

Mit langsameren Verlandungsprozessen bei insgesamt zurückgegangenen Belastungen ist die Situation heute weniger dramatisch. So gibt es z. B. keine Einleitungen von ungeklärten Abwässern in die Teiche mehr.

Ein Ausbaggern bzw. eine Entschlammung der Stadtteiche setzt eine umfangreiche Klärung, und Abwägung aller beachtlicher Belange des Denkmalschutzes, des Naturschutzes und des Gewässerschutzes voraus, um daraus fachlich sinnvolle und kosteneffiziente Maßnahmen abzuleiten, die mit den notwendigen Genehmigungen rechtssicher umgesetzt werden kön-nen. Dazu formuliert das Gutachten von 2016: „Das Ziel der Verbesserung des ökologischen Zustands des Gewässers sollte möglichst nachhaltig, kostengünstig, zeitnah und wartungs-frei (laufende Kosten) erreicht werden. Die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte haben ge-zeigt, dass sich flache Seen im Vergleich zu tiefen, geschichteten Seen schlechter therapie-ren lassen. Die Möglichkeiten der Restaurierung von Flachseen sind eingeschränkt.“ 

Eine Ausbaggerung aller Stadtteiche würde voraussichtlich bis zu 10 Millionen Euro kosten bei ungewissem Erfolg. Aufgrund der Komplexität des Gewässerökosystems kann vor Um-setzung von Maßnahmen keine Garantie für einen Erfolg im Sinne eines baldigen Erreichens des trophischen Referenzzustandes gegeben werden. 

Gemäß Gutachten von 2016 sollte prioritär die weitere Nährstofflastsenkung im Einzugsge-biet verfolgt werden. Erst wenn die externe Nährtstofffracht deutlich sinkt, sind Maßnahmen im Gewässer sinnvoll. Im Gutachten wird eine Entschlammung wegen der Munitionsbelas-tung, der extrem hohen Kosten, des fraglichen ökologischen Nutzens und der fehlenden Flä-chen zur Trocknung bzw. Behandlung des entnommenen Sediments als eher ungeeignet eingestuft. 

Nach Vorliegen der endgültigen Monitoringergebnisse zu den Stadtteichen auf der Grund-lage der Untersuchungsergebnisse von 2019 möchte die Stadt sich deshalb mit dem StALU zu einem weiteren konstruktiven Vorgehen abstimmen. 

gez. Dr. Raith


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